Wie Sie ein neugeborenes Kalb zur Superkuh machen!

In einer perfekten Welt sind Kälber nie krank und nehmen täglich 1500 Gramm zu, alle Färsen kalben mit 24 Monaten und führen ein langes, fruchtbares Leben mit hoher Milchleistung. – Das ist auf Ihrem Betrieb nicht der Fall? Keine Angst!

In diesem Artikel zeige ich Ihnen, wie Sie in 7 einfachen Schritten die optimalen Voraussetzungen für gesunde Kälber und leistungsstarke Kühe schaffen. Und zwar, indem Sie Ihre Kälber richtig mit Biestmilch versorgen. Die Kälbersterblichkeit ist heutzutage trotz aller Forschungserkenntnisse und guter Ausbildung der Landwirte und Tierärzte immer noch viel zu hoch. Tierärzte sind beratend auf den Betrieben tätig und Landwirte tun alles, um die Kälber so gesund wie möglich großzuziehen. Warum klappt es trotzdem nicht gut genug?

Ich persönlich glaube, es geht um die Ausnahmen, für die man sich mit Ausreden rechtfertigt. Das kennt doch jeder: Wenn ich bis 24 Uhr bei 35°C auf dem Feld zum Maishäckseln bin und um 5 Uhr schon wieder im Stall, um nach dem Melken und Füttern weiterzuhäckseln – dann habe ich keine Muße mehr, noch diese tretende Kalbin zu melken, die mir mit Ihrem nervösen Getue noch den letzten Nerv raubt. Das Kalb ist ja schließlich geboren und das Heikelste vorbei. Das Kalb ist nach der schweren Geburt sowieso noch nicht fit genug zum Trinken. Da werde ich doch nicht 2 Stunden im Stall verplempern, nur um dieses Kalb mit seiner ersten Milch, die es eh nicht will, zu füttern. Später hat es dann bestimmt mehr Hunger.

NEIN! Lassen Sie keine Ausreden zählen!

Genau das sind die Überlegungen, die sie ändern sollten, um Ihre Kälber nicht ständig spritzen zu müssen, sondern gesündere Kälber und später leistungsfähigere Milchkühe bzw. Mastbullen zu haben!

Die Lebensversicherung Ihrer Kälber ist die Aufnahme von Biestmilch nach der Geburt. Um eine ungefähre Ahnung von der aufgenommenen Menge zu haben, muss das Kalb dazu von Hand getränkt werden. Sie ersparen sich keine Arbeit, wenn Sie das Kalb für einige Stunden nach der Geburt bei der Kuh lassen und hoffen, dass es selbständig ausreichend Kolostrum aufnimmt. Hierzu müssten Sie sich die Mühe machen, das Kalb immer wieder an das Euter der Mutter anzusetzen. Effektiver und sicherer ist es in jedem Fall, die Kuh zu melken und die Biestmilch per Flasche zu vertränken. Denn hier sollte man nichts dem Zufall überlassen. Dabei kann auch noch die Kolostrumqualität überprüft und notfalls höherwertiges Kolostrum einer anderen Kuh zugefüttert werden.

Schnell sein lohnt sich! So füttern Sie Biestmilch richtig:

Kälber kommen, ganz anders als Menschen, vollkommen ungeschützt – also ohne Abwehrstoffe - zur Welt. Sie müssen diese erst durch die Biestmilch aufnehmen. Durch die Darmwand gelangen die Antikörper aus der Biestmilch ins Blut. Die Überwindung der sog. Darmschranke ist aber nur innerhalb der ersten 24 Stunden möglich, danach können die Antikörper die Darmwand nicht mehr passieren. Deshalb gilt es diese Zeit bestmöglich zu nutzen, um dem Kalb den perfekten Start ins Leben zu ermöglichen.

Die ersten Lebensstunden im Leben eines Kalbes sind entscheidend für die Leistungsfähigkeit im späteren Leben.

Neugeborenes_Kalb_im_Stroh_bei_der_Mutterkuh_ist_noch_nass

1. Gewinnen Sie Ihr Kolostrum genau zur richtigen Zeit

Die Kuh sollte so schnell wie möglich nach der Geburt gemolken werden. Innerhalb 1-2 Stunden nach der Geburt ist der Gehalt an Antikörpern in der Biestmilch am höchsten, danach nimmt die Konzentration ab.1
Sollte ich die Kuh wirklich außerhalb der geregelten Melkzeiten (auch tagsüber oder nachts) melken?
Gesunde Kälber machen viel Arbeit, Kranke noch viel mehr!
Diese Zeit ist wertvoll investiert, denn diese Arbeit wird Ihnen danach umso mehr Aufwand und Kosten ersparen, wenn das Kalb gesund bleibt. Um qualitativ hochwertiges Kolostrum zu erhalten, muss die Kuh innerhalb 6 Stunden nach der Geburt gemolken werden.1

2. Prüfen Sie, ob die Biestmilch genügend Antikörper enthält

Um mit der Biestmilch genügend Antikörper in das Kalb zu bekommen, ist es auch wichtig zu wissen, wie hoch der Antikörpergehalt in der ermolkenen Milch ist. Um dies zu überprüfen, kann man den Antikörpergehalt in der Milch ganz einfach im Stall messen. Gutes Kolostrum enthält mindestens 50 mg/ml spezieller Antikörper (Immunglobulin G). Hier stelle ich Ihnen die verschiedenen Messgeräte vor:

  • Das Kolostrometer oder die Senkspindel misst die Dichte der Biestmilch und mithilfe der Farbe kann man auf einer Skala den Antikörpergehalt ablesen. Die Messung ist jedoch temperaturabhängig und sollte bei 20°C durchgeführt werden.

Kolostrumspindel

  • Mithilfe des Refraktometers wird das Lichtbrechungsvermögen in der Milch bestimmt und man kann auf die Kolostrumqualität schließen. Refraktometer werden hauptsächlich in der Weinproduktion verwendet, um den Zuckergehalt der Trauben exakt zu bestimmen. Das Ergebnis wird in Brix % angezeigt. Gutes Kolostrum entspricht einem Brix-Wert von mindestens 22%.
Refraktometer von oben mit Milchtropfen und Seitenansicht
  • Eine weitere einfache Möglichkeit, die Qualität des Kolostrums zu bestimmen, ist der ColostroCheck. Dies ist ein kleiner Präzisionsdurchlauftrichter, der die Viskosität (Zähflüssigkeit) der Milch bestimmt. Hierbei wird der Trichter mit Biestmilch befüllt und die Zeit gemessen, die bis zur vollständigen Entleerung vergeht. Eine Durchlaufzeit von 24 Sekunden oder länger spricht für eine gute Kolostrumqualität.

Wenn Sie schlechtes Kolostrum verfüttern, werden Sie höchstwahrscheinlich bald die Quittung dafür bekommen, denn das Kalb ist dann nicht ausreichend geschützt und ist einem erhöhten Risiko ausgesetzt zu erkranken. Deshalb sollten Sie die Qualität Ihrer Biestmilch vor dem Tränken immer bestimmen!

Sie sollten bei einer schlechten Qualität auf hochwertiges, gefrorenes Kolostrum zurückgreifen. Um dies immer verfügbar zu haben, kann man Biestmilch von Kühen mit hoher Qualität für solche Fälle einfrieren. Wie sie dies am besten tun, um dabei die Qualität zu erhalten, erfahren Sie weiter unten in diesem Artikel.

3. Achten Sie auf die ausreichende Menge

Das Kalb sollte 10-12% seines Körpergewichtes innerhalb der ersten 3 Stunden aufnehmen2. Das wäre bei einem Standardkalb (40-45 kg) ca. 4.5 Liter. Wenn Sie sich jetzt denken: Welches Kalb säuft soviel auf einmal bei der ersten Tränke?
Stimmt, das klingt erst einmal sehr hochgegriffen. Deshalb kann man die Menge auch auf zwei Tränken mit je 2 Litern während der ersten 6 Stunden aufteilen.
Mehr ist natürlich immer besser und eine Obergrenze gibt es nicht, solange das Kalb freiwillig säuft.

4. Wählen Sie den perfekten Zeitpunkt der ersten Biestmilchtränke

Wie bereits erwähnt ist der Zeitpunkt der ersten Tränkeaufnahme für das Kalb enorm wichtig, da die Durchlässigkeit der Darmwand für die Abwehrstoffe aus der Milch ins Blut während der ersten 24 h rasant abnimmt und sich die Darmschranke ca. 12 h nach der ersten Tränkeaufnahme schließt. Schließlich wird die Antikörpermenge im Blut des Kalbes über die immunologische Kompetenz und das Funktionieren der Immunabwehr entscheiden.
  • Innerhalb der ersten 3 Lebensstunden sollte das Kalb also mindestens 2 Liter Biestmilch guter Qualität aufnehmen.
  • Die 2. Mahlzeit sollte nochmals aus mindestens 2 Litern Erstkolostrum innerhalb der ersten 6 Lebensstunden bestehen.
Trinkt das Kalb das angebotene Erstkolostrum nicht, sollte eine Menge von etwa 3 Litern per Sonde verabreicht werden.

5. Wann Sie Ihr Kalb drenchen dürfen

Grundsätzlich sollten Kälber nie gedrencht werden. Allerdings ist die allererste Mahlzeit des neugeborenen Kalbes hier eine Ausnahme. Wenn das Kalb die erste Kolostrummahlzeit nicht freiwillig aufnimmt, sollte es fachgerecht gedrencht werden. Hierzu wird ein Schlauch durch das Maul in die Speiseröhre eingeführt und das Kolostrum über einen Trichter verabreicht. Ein Fehler, der hier leicht passieren kann, ist, dass man den Schlauch versehentlich in die Luftröhre einführt und die Milch in die Lunge gelangt. Das bedeutet in der Regel das Todesurteil für das Kalb. Lassen Sie das Drenchen deshalb Ihren Hoftierarzt übernehmen oder es sich genau von Ihm zeigen.

6. Wie lange sollten Sie Ihrem Kalb Kolostrum füttern?

  • Das Kolostrum sollte dem Kalb über die ersten beiden Lebenstage getränkt werden (kann im Kühlschrank oder Gefriertruhe aufbewahrt werden).
  • Danach sollte das Kalb über die erste Lebenswoche die Milch der eigenen Mutter bekommen.

Auch wenn die Antikörper nach ca. 24h nicht mehr aus dem Darm in das Blut aufgenommen werden können, führt der erhöhte Gehalt an Abwehrstoffen lokal im Darm zu einer direkten Abwehr von Krankheitserregern.

Junges_Kalb_guckt_unter_Bauch_von_Kuh_durch

7. Überschüssiges Kolostrum einfrieren

Sie sollten immer einen Vorrat an hochwertigem Kolostrum auf Vorrat im Gefrierschrank aufbewahren, falls eine Kuh minderwertige Kolostrumqualität hat. Sie werden dieses Kolostrum auch benötigen, falls die Kuh schon während der Geburt eine Euterentzündung hat oder stirbt. Es ist sinnvoll, sich mit hochwertigem Kolostrum in einer bestandseigenen Kolostrumbank zu bevorraten. Folgen Sie einfach den folgenden Schritten, um sich einen hochwertigen Vorrat an bestandseigener Biestmilch zu sichern:

  • Melken Sie einfach mehr Biestmilch von Kühen mit guter Qualität ab (> 50mg/l)
  • Frieren Sie diese portionsweise in Plastikflaschen oder Gefrierbeutel ein.
  • Bei -20°C ist Kolostrum bis zu einem Jahr haltbar.
  • Schreiben Sie deshalb immer das Datum auf die Verpackung.
  • Zum Auftauen verwenden Sie ein warmes Wasserbad (50°C).
    Sie müssen darauf achten, dass die Wassertemperatur nicht zu hoch ist, da die Antikörper hitzeempfindlich sind und dadurch leicht zerstört werden könnten. Die Mikrowelle ist nicht geeignet. Auch Tauchsieder ohne einstellbare Temperaturregelung sollten Sie hierfür nicht verwenden.
  • Das Kolostrum sollte nicht länger als 60 Minuten in dem heißen Wasser liegen.
  • Rühren Sie es dann vorsichtig um und vertränken es.

    Der perfekte Start ins Leben!

    Sie sehen, es kommt auf viele Kleinigkeiten in der Biestmilchversorgung an. Es kann sehr viel schiefgehen am ersten Lebenstag und das kann weitreichende Konsequenzen haben. Ich verspreche Ihnen, dass sie den Lohn für Ihre Mühen bekommen werden.
    Wenn Sie sich an diese Schritte halten, werden Sie Ihre Kälbergesundheit sicherlich noch steigern.
    Ihre Kälber werden es Ihnen danken!

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    Quellen:
    1 Godden S. Colostrum management for dairy calves. Vet Clin North Am Food Anim Pract. 2008;24(1):19‐39. doi:10.1016/j.cvfa.2007.10.005.

    2 Davis CL, Drackley JK. In: The development, nutrition, and management of the young calf. 1st edition. 1998. Ames (IA): Iowa State University Press; 1998. p. 179–206.